Vom Wert des Verzichts

Alles haben – und das möglichst sofort: Diese Erwartung prägt zunehmend unsere Gesellschaft. Doch Ziele verlangen Entscheidungen, Einsatz und oft auch Verzicht. Gerade beim Wohneigentum zeigt sich, dass Eigenverantwortung und Geduld zeitlose Werte bleiben.

Von Fabian Schnell, Geschäftsführer HEV Aargau

Vor ein paar Monaten las ich in einer Schweizer Tageszeitung das Porträt einer jungen Frau, die sich über die Mehrfachbelastungen des Lebens beklagte. Ein anspruchsvoller, erfüllender und gut bezahlter Job verlange viel Präsenz und Einsatz. Dies würde aber die Selbstverwirklichung in anderen Bereichen verunmöglichen. Dabei, so die Frau, habe man ihr doch in jungen Jahren gesagt, sie könne alles haben.

«Queen» missverstanden

«I want it all! And I want it now!», hiess es bei Queen bereits Ende der 1980er-Jahre. Damals war das vor allem ein Appell an Entschlossenheit und Selbstbestimmung angesichts vorherrschender Diskriminierung. Diese Interpretation gilt offenbar nicht mehr. Aus dem Wunsch, die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen, ist zunehmend eine Anspruchshaltung geworden, Staat und Gesellschaft müssten dafür sorgen, dass sich alle Ziele gleichzeitig verwirklichen lassen. Der Kaderjob soll in Teilzeit und ohne sporadische Überstunden funktionieren; Karriere, Familie und Freizeit sollen sich reibungslos ergänzen. Dabei wäre gerade das Gegenteil eine der wichtigsten Botschaften, die wir jungen Menschen mitgeben können: Man kann nicht alles haben. Und schon gar nicht alles sofort.

Das Leben konfrontiert uns ständig mit Zielkonflikten. Zeit, Geld und Energie sind begrenzt. Wer sich für etwas entscheidet, entscheidet sich gleichzeitig gegen etwas anderes. Entscheidend ist, mit diesen Zielkonflikten umgehen und auch unangenehme Entscheidungen treffen zu können. Gerade verzichten und zurückstecken zu können, sind unabdingbare Fähigkeiten, um ein Ziel in Zukunft erreichen zu können.

Verzicht ist unverzichtbar

Das gilt nicht zuletzt beim Wohneigentum. Der Traum von den eigenen vier Wänden war schon immer mit Leistung, Sparsamkeit und Verzicht verbunden. Die Preissteigerungen der vergangenen Jahre haben dies zweifellos verschärft. Aber auch früher musste Eigenkapital aufgebaut, mussten Prioritäten gesetzt und Konsumwünsche zurückgestellt werden. Wohneigentum fiel den wenigsten einfach in den Schoss.

Fleiss, Sparsamkeit, Geduld, Eigenverantwortung und der Mut zu Entscheidungen sind keine verstaubten Tugenden. Es sind zeitlose Fähigkeiten. Die nächste Generation soll grosse Ziele haben, ambitioniert sein und Chancen nutzen. Aber sie sollte auch wissen: Nicht der Staat, die Gesellschaft oder die anderen sind für die eigene Lebensgestaltung verantwortlich, sondern jeder und jede Einzelne selbst.